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ROSAS BRILLE #8 – Tod im Krankenhaus

Wann und wie werde ich sterben? Seitdem ich im Gesundheitswesen tätig bin, werde ich quasi jeden Tag – mal direkter, mal indirekter – mit dieser Frage konfrontiert. Mittlerweile empfinde ich sie wie einen Schatten, der mich omnipräsent begleitet und sich durch die Augen von Patienten und Angehörigen widerspiegelt.

Eine Aufgabe haben wir alle noch vor uns: den letzten Atemzug und somit die Tatsache, dass wir nicht lebend aus dieser Haut herauskommen.

Wenn ich mir meine Patient*innen anschaue, sind die Unterschiede im Umgang mit Leben und Tod wie Tag und Nacht. Ich habe Menschen betreut, die mit Anfang 90 noch mit ihren Urenkeln Schach gespielt haben und jeden Tag an der frischen Luft ihre Runden drehten. Andererseits habe ich auch Personen kennen gelernt, die mit Anfang 50 seit über 25 Jahren aufgrund langjährigen Drogenmissbrauchs – auf gut deutsch gesagt – im Pflegeheim dahinvegetieren und auf den Tod warten, da sie nichts mehr selbstständig erledigen können, geschweige denn, sich bemerkbar machen oder reden. Eine dritte Gruppe sind die Menschen, die sich jeden Tag aufs Neue dazu entscheiden – ob bewusst oder unbewusst – ihrem Leben ein kränkeres und schnelleres Ende zu setzen. Sie bekommen mit 30 schon die ersten Diagnosen von Diabetes Typ 2 oder auch Erkrankungen die das Herz betreffen.  Sie sind oft schockiert, werden anschließend mit Medikamenten und Therapieplänen voll geschmissen, so dass sie am Ende des Tages nichts gegen die Wurzel des eigentlichen Problems -ihr Lebensstil- ändern.

Mit Blick auf den riesigen Einfluss, den unser Lebensstil hat, ist das Alter ein sehr relativ zu sehender Faktor.

Dass wir irgendwann sterben werden, ist eine Tatsache. Ich bin der Meinung, dass es der entscheidende und Sinn gebende Punkt in unserm Leben ist. Jeder von uns tanzt jeden Tag auf Messers Schneide, da immer etwas passieren kann.  Es liegt somit in unseren Händen, wie wir mit diesem Wimpernschlag an Zeit, die wir auf dieser Erde verbringen, umgehen und welches Echo wir hinterlassen wollen.

Wir hatten letztens im Krankenhaus den Fall einer Patientin, die jünger war als meine Eltern. Sie kam aufgrund eines internistischen Problems. Schlussendlich wurde sie reanimationspflichtig, es wurde also probiert durch eine Herzdruckmassage sie wiederzubeleben – erfolglos. Die Todesursache war unklar. Aus dem Rettungsdienst höre ich immer wieder ähnliche Geschichten. Bis dato sind mir innerhalb von anderthalb Jahren zwei Geschichten zu Ohren gekommen, bei denen jeweils ein 17-Jähriger und eine 18-Jährige ohne jegliche Vorerkrankungen oder Anzeichen „tot umgefallen sind“. Trotz ellenlangen Reanimationen starben beide.

Durch das ganze Leid und den Tod im Gesundheitswesen ziehe ich für mich die positiven und zutiefst beeindruckenden Situationen heraus–zumindest probiere ich es jedes Mal aufs Neue. Ich habe Menschen betreut, junge Menschen, die eine ausweglose Krebsdiagnose erhalten hatten – dennoch waren sie in der Lage, das Positive zu sehen und konnten dies auch ausstrahlen.

Ich erinnere mich an eine ältere Dame, die auf der Intensivstation mehrere Male nach der pflegerischen Versorgung meine Hand ergriff. Sie war kognitiv noch glasklar und hat alles, vor allem ihren körperlichen Verfall, miterlebt. Als sie mir eines Abends in die Augen schaute und lächelte, strahlten ihre Augen,trotzallem tiefe Zufriedenheit aus. Gleichzeitig riefen jeden Abend ihre Angehörigen an und klammerten sich an jede „gute“ Nachricht. In solchen Situationen ist es enorm schwierig für das Pflegepersonal, wie auch für die Ärzte, damit umzugehen – gerade am Telefon. Die Familien krallen sich an jeden guten Blutdruck oder an jeden sich normalisierenden Wert, ohne den Patienten sehen und die anderen Symptome einordnen zu können oder zu wollen.

Das Traurige ist, dass wir in der Pflege keine Zeit haben, diesen Menschen in der „präfinalen Phase“ (so wird die letzte Phase vor dem Tod bezeichnet) zur Seite zu stehen. Ich habe Geschichten aus Krankenhäusern gehört – der Rettungsdienst ist in diesem Falle die beste Informationsquelle – bei denen den Angehörigen aufgrund einer scheinbaren Verbesserung, irrtümlicherweise das Besucherrecht entzogen wurden. Diese Patient*innen sind alleine, isoliert von ihren Liebsten, im Krankenhaus gestorben. Momentan sind diese Zustände keine Seltenheit mehr, gerade auf Corona Stationen. Es gibt Länder, wo sich die Familie sicher sein kann, dass auch in ihrer Abwesenheit, die Sterbenden nie alleine gelassen werden. Dass immer jemand zur Stelle ist, um in den letzten Minuten die Hand zu halten, und Trost zu spenden.

Ein Faktor, der meist vergessen wird, sind die Menschen, die für die erkrankten Patienten arbeiten. Der Tod eines Patienten geht nie ungesehen am Personal vorbei. Gerade die Pflege betreut die Menschen bis zum Tod und in gewisser Weise auch darüber hinaus. Aufgrund der Zeit, die wir mit diesen Menschen verbringen, bauen wir Beziehungen und Sympathien auf.

Wir verbringen teilweise mehr Zeit mit den Patienten als ihre eigene Familie. Wir sind Ansprechpartner, die Schulter zum Ausweinen, die, die Mut zusprechen oder auch mal auffordern.

Viel passiert jedoch auch nonverbal. Es kann ein Blickwechsel sein, ein Nicken, oder das Halten der Hand, woran sich die Patienten festhalten. Diese Situationen nehmen wir mit nach Hause. Ich bekomme Einblicke in Geschichten, Familienkonstellationen, persönliche Probleme. Ich darf und muss in die intimsten Schalen einer Person blicken. Manchmal wünsche ich mir von Herzen jedoch, ich könnte meinen Kopf und mein Herz ausschalten, wie manche ihren Computer nach der Arbeit herunterfahren.

Jeder Patient, jede Patientin ist ein neuer Kampf, welchen wir mit ihm oder ihr entweder gewinnen oder verlieren. Mir hilft in diesem Fall ein Zitat von dem Arzt Patsch Adams, der einmal meinte, dass man nur verliert, wenn man die Krankheit behandelt. Wenn man den Menschen behandelt und diesen wirklich sieht, gewinnt man – egal wie die Geschichte endet. Es fällt mir dennoch schwer, dies an gefühlt ausweglosen Tagen auch wirklich so zu empfinden.

Der persönliche Umgang mit solchen Situationen wird enorm schwierig, wenn man keine Zeit hat, sich zu verabschieden und es auch zu verarbeiten. Es ist keine Seltenheit, dass Menschen, die sich in der präfinalen Phase befinden, diese alleine durchstehen müssen, da die Pflegekräfte aufgrund des Drucks nur alle zwei Stunden reinschauen können, ob noch geatmet wird.  Wir behandeln die anderen Patienten in diesen Fällen so gut wir können, jedoch wandern dabei die Gedanken oft zu der Person, die in dem Moment dabei ist, das letzte Mal nach Luft zu schnappen.

Es ist FALSCH, dass Menschen einsam im Krankenhaus sterben müssen, es ist FALSCH, dass Pfleger*innen nicht mal Zeit haben zu trauern oder sich nach einem Tod eines Patienten oder einer Patientin kurz mal hin zu setzen, um sich zu sammeln.

Gesellschaftlich ist das Thema „Tod“  in Deutschland weitgehend ausgeklammert. Aufgrund dieser Kultur wissen viele Familienmitglieder gar nicht voneinander, wer was will. Will ich beatmet werden? Oder künstlich am Leben gehalten werden? Wie sieht es mit künstlicher Ernährung aus? Oder auch Intubation? Wenn es absehbar ist, dass ich ein Pflegefall werde, will ich das? Was wollen meine Eltern? Was wollen meine Großeltern? Diese Fragen könnten morgen im Raum stehen. Autounfälle, Herzinfarkte, Reitunfälle oder das „einfache“ Umkippen passieren von einem Moment auf den anderen.

Ich habe durch diese tägliche Konfrontation einen anderen Blick auf das Leben erhalten dürfen. Von dem Satz: „Lebe jeden Tag als sei es dein Letzter“ halte ich nun nichts mehr, da sehr wenige Menschen in diesem Fall ihren normalen Alltag beschreiten würden. In jedem Tag stecken jedoch so viele schöne Kleinigkeiten, Momente und Situationen, die diesen zu etwas Besonderen machen können, wenn man es zulässt.

Unser Tod sollte ein Teil unseres Lebens werden, da er nun mal dazu gehört. Wobei ich, für jeden Tag froh bin, an dem ich nicht weiß, wann oder wie ich sterben werde. Oft empfinden die Patienten und Menschen den schlussendlichen Tod als Erleichterung und den Weg dorthin als Belastung. Meist sind es die Gesunden, die vor ihm zurückschrecken. Dennoch gebührt jedem Menschen ein angemessenes Lebensende, welcher in den deutschen Krankenhäusern in keiner Weise möglich ist. Das Personal kämpft jeden Tag, egal zu welcher Uhrzeit oder in welcher Verfassung, um das Leben von jedem einzelnen Patienten.

Dass dabei auch das Leben der eigentlich gesunden Arbeitnehmer schleichend aufs Spiel gesetzt wird, kommt kaum zur Sprache.

Die eigentliche Not liegt jedoch bei denen, die leiden, wenn das Personal nicht adäquat geschult wurde, nicht ausgeschlafen ist oder die Sprache nicht gut beherrscht.

Diese Personen, die abhängig sind von den übermüdeten und fertigen Pfleger*innen oder Ärzt*innen, sind die Patienten und Patientinnen. Realistisch gesehen: irgendwann jeder von uns.

 

Anmerkung Redaktion: Rosa ist 20 Jahre alt und Auszubildende zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. An dieser Stelle schreibt sie regelmäßig über ihre Erfahrungen im Beruf und in der Gesellschaft. Feedback: rosa@jungundnaiv.de

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