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ROSAS BRILLE #4 – Krieg

Was ist Krieg? Viele Menschen meinen zu wissen, was Krieg bedeutet. Im Fernsehen läuft immer irgendwo eine Doku, wir hatten das Thema in der Schule und in den Nachrichten ist es auch nicht selten.  Es gibt laut bpb (Bundeszentrale für politische Bildung) nicht mal eine klare und kurz zusammenfassende Definition, sie weisen darauf hin, dass diese Form der Gewalt sich im stetigen Wandel befindet. Allein das zeigt die Schnelllebigkeit und die schwierige Einordnung von Recht und Unrecht.

In der Schule haben wir „die Lehre des gerechten Krieges“ behandelt. Damit einhergehend auch das „Recht zum Krieg“ und das „Recht im Krieg“. Ich weiß noch,  wie ich dachte, dass unter den Bedingungen ein Krieg ja wirklich gerecht sein könnte. Jedoch zerplatzt diese Theorieblase wieder mal auf dem Nadelkissen der Realität. Wenn wir uns die aktuellen Auseinandersetzungen ansehen, leiden die Zivilisten am meisten unter den Bedingungen.

Wir sollten die Worte Recht, Krieg und gerecht nicht mal gemeinsam denken.

Ich bin 20 Jahre alt. Ich habe keinen Krieg erlebt, meine Eltern auch nicht. Ich bin es gewohnt, vor die Tür zu gehen, wann und wie es mir gefällt, ohne mich beim Verlassen vorsichtig umsehen zu müssen. Ich bin es auch gewohnt, mich von meinen Eltern zu verabschieden, ohne die Angst, sie vielleicht nie wieder zu sehen. Dafür bin ich genervt, wenn die Schlange an der Kasse wieder so lang ist, wenn ich eine rote Ampelphase habe oder das Wetter wieder grottenschlecht ist.

Von welchen Sachen wäre ich genervt, wäre ich vor 100 Jahren geboren worden?

Es ist ein Gedankenspiel, was schlussendlich zu herzlich wenig führt, da ich das Glück hatte, nicht Anfang des 20. Jahrhunderts zur Welt gekommen zu sein. Bei der „Geburtslotterie“ war das Glück mir auch wohl gesonnen, da ich weder in Syrien, Afghanistan, Jemen oder all den anderen Kriegsschauplätzen des 21. Jahrhunderts hinein geboren bin. Wie sähe mein Leben aus, wäre ich als Tochter eines afghanischen Ehepaars zur Welt gekommen? Wie wäre mein Leben verlaufen?  Wie selbstbestimmt wäre ich, wobei ich dabei nicht mal die Studienwahl oder meine Partnerwahl meine, sondern die allgemeinen Umstände? Wäre mein Schulweg sicher, gäbe es überhaupt Schulen? Müsste ich um meine Eltern, Geschwister, mich selbst  jede Minute Angst haben? Und wer würde die Schuld an dieser Situation tragen?

Wir wissen was gemeint ist, wenn jemand Krieg erwähnt, spätestens in der Schule und dem Thema des Holocaust wird es behandelt. Wir denken an zerbombte Städte mit Straßen, die vor lauter Trümmerm und zerstreuten Habseligkeiten nicht mehr als solche zu erkennen sind, Leichen die gestapelt werden, Kinder die schreien und Menschen mit schlimmen Verletzungen. Wir wissen, dass die meisten Opfer unter den Zivilisten sind, die nichts für die Entscheidungen der Entscheidungsträger können. Das war früher so, als es um Städte wie beispielsweise Dresden ging, und es ist auch heute so, nur dass es sich jetzt um den Nahen Osten oder dem Jemen handelt.

Das Mitgefühl und die klare Stellungnahme, dass Krieg zu verteufeln sei, endet jedoch meist bei Diskussionen über weitere Rüstungsexporte und Aufrüstung unserer „Verteidigungsarmee“. Alle Parteien bis auf „die Linke“ haben im Bundestag schon mal für weitere Aufrüstung bzw. Rüstungsexporte gestimmt. Wenn wir unserer Bundesregierung jedoch glauben dürfen, betreiben wir eine restriktive Politik. Somit ist ja alles im Lot – dass im Jahr 2020 circa die Hälfte aller Lieferungen an Drittländer ging, sollte man mit Blick auf den eigenen Seelenfrieden einfach überlesen.  Wir als Nation betreiben (indirekten) Krieg. Wir als Generation, die die Ersten sind, welche den Krieg in seinem Ausmaß und der Abscheulichkeit nicht am eigenen Leib erlebt haben, rüsten wieder auf. Aber warum auch nicht? Immerhin findet er nicht vor unserer Haustüre statt und wir brauchen keine Angst zu haben, morgen kein Haus mehr zu haben, oder zur Familienfeier auf den Friedhof zu gehen.

Es ist in unserer Situation so einfach gesagt, dass wir „die Werte des Westens“ im Nahen Osten verteidigen. Welche Werte sollen das sein? Kriege werden meist aus drei Gründen geführt, Rohstoffe, Geld oder Macht. Es geht fast nie um Freiheit oder eine Befreiung. Wo Familien getötet werden, bleiben Angehörige zurück.

Angehörige, die vor dem Nichts stehen und sehen, wie andere Länder ihre Heimat bis auf einen Haufen Asche zerstören, der die Gesellschaft in Armut und Hunger zwingt. Wo Krieg herrscht, wird nur noch mehr Krieg geboren. Menschen nehmen Rache. Jede Aktion von uns hat ihre Folgen, wenn nicht direkt, dann langfristig. Zu diesen Folgen zähle ich den Zulauf an Geflüchteten und die Angst vor dem Terror.

Wir haben kein Interesse daran, die Fluchtursachen zu beseitigen. (Restriktive Politik an Drittstaaten)

Oft werden unsere Unterstützungen oder Lieferungen mit Argumentationen untermauert, die in die Richtung gehen: „wenn wir es nicht machen, werden andere Länder die Lieferungen übernehmen. Somit ist das Resultat das Gleiche, nur dass wir ohne einen finanziellen Gewinn dastehen“. Das mag sein. Ich bin davon überzeugt, dass wir ein Land werden können, welches keine Menschen mehr tötet, von dessen Grund (US-Relaisstation Ramstein) niemand mehr durch Drohnen ums Leben kommt und durch dessen Waffen keine Kinder mehr verstümmelt werden oder ihnen die Eltern nimmt. Wir haben kein Recht zu urteilen und wir haben auch kein Recht, das Ausmaß unserer Entscheidungen und Taten zu verharmlosen.

Gerade beim Thema Waffenlieferungen empfinde ich Deutschland als sehr doppelzüngig. Aber auch die Europäische Union, die FRONTEX nun als „Agency“ aufbaut und dort Milliarden rein pumpt. Aber wir bauen uns Agenten auf, die „cool“ genug sind, um bestimmt bald auch Stoff für eine Serie zu sein.

Wir reden so viel von Menschenwürde und dass jede(r) ein Recht auf ein friedliches und freies Leben habe. Dieses Recht endet anscheinend an unseren Grenzen. Sonst würden wir niemanden in die Versklavung, Folterung und Vergewaltigung in Libyen zurückschicken, wie wir es momentan tun.

Ich bin der Auffassung, dass sich die Geschichte immer wiederholen wird, weil wir nicht daraus lernen. Anscheinend leben wir kollektiv nach dem Motto „Wer nicht lernen/hören will, muss fühlen“.

Ich bekomme es nicht in den Kopf, wie man gerade mit unserer Geschichte immer noch so denken kann. Wie kann es sein, dass eine Partei, in der sich ein Mann engagiert hat, welcher ein mittlerweile verurteilter Mörder mit Nazihintergrund ist, immer noch gewählt wird. Wie kann es sein, dass wir wieder mit unseren Waffen aufrüsten?

Sobald man sich jedoch den Wehrbericht aus dem Jahr 2019 wie auch weitere Informationen anschaut, sollte die Bundeswehr sich erst mal mit sich selbst  beschäftigen, bevor es zu Zuständen wie in einem satirischen Antikriegsfilm kommt.

Der Verteidigungshaushalt für das Jahr 2021 liegt bei 46,93 Milliarden Euro. Es wäre nur so viel schöner, wenn dieses Geld in andere Sektoren fließen würde. Dabei ist zu erwähnen, dass der Haushaltsentwurf für Bildung und Forschung für das Jahr 2021 20,24 Milliarden Euro beträgt.

Ich wünsche mir, dass es eine genauso laute und aktive Friedensbewegung gäbe, wie zu Zeiten des kalten Kriegs. Der Unterschied ist einfach, dass der Kriegsschauplatz nun ein anderer ist und nicht mehr direkt vor unserer Türe. Wir werden aufgrund des Klimawandels so oder so viele globale Probleme bewältigen müssen, es wäre deutlich intelligenter, damit anzufangen, vermeidbare Konflikte zu beenden.

Sonst hätte ich auch den Vorschlag, dass jeder, der sich für Waffenlieferungen ausspricht, zunächst mal in Kriegsgebiete reist um sich einen realen Eindruck zu verschaffen. Es ist so einfach, ein Kreuzchen zu machen, einen Vertrag zu unterschreiben oder zu schweigen, wenn man den Effekt und das Ausmaß einfach ignoriert.

Anmerkung Redaktion: Rosa ist 20 Jahre alt, Auszubildende zur Gesundheits- und Krankenpflegerin und arbeitet zusätzlich als Pflegerin im Seniorenheim. An dieser Stelle schreibt sie regelmäßig über ihre Erfahrungen im Beruf und in der Gesellschaft. Feedback: rosa@jungundnaiv.de

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