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ROSAS BRILLE #10 – Arbeitsplatz Altenheim

Viele Menschen wissen nicht wie ein Altenheim von Innen aussieht. Solange man dort keinen Angehörigen zu besuchen hat oder aufgrund seines Berufes dort Zeit verbringt, gibt es auch keinen Grund dort zu sein. Über das Aussehen und die Architektur lässt sich auch vieles schreiben oder kritisieren. Viel wichtiger und bedrückender sind jedoch die Zustände, die dort im Tagesablauf vorliegen und wie die Situation für unsere älteren Mitmenschen sind.

Je nach Einrichtung ist der Pflegepersonalschlüssel unterschiedlich. Als Richtlinie sollte sich die Einrichtung an dem durchschnittlichen Pflegegrad orientieren, welcher bei jedem Bewohner regelmäßig eingeschätzt wird. Bei Pflegegrad 1 ist er soweit selbständig, bei Pflegegrad 5 ist der Bewohner bzw. Patient nicht mehr in der Lage, auch kleine Alltagshandlungen, wie beispielsweise nach einem Becher greifen und einen Schluck zu trinken, selbst zu tätigen. Dementsprechend ist es ein Mensch, der meist nicht mal mehr kommunizieren kann, geschweige denn sich aktiv zu bewegen. Mit der Höhe des Pflegegrades steigt auch das Pflegegeld, dieses wird im Falle einer ambulanten Versorgung mit dem Pflegedienst abgerechnet, den Rest bezieht die Familie. Im Falle einer stationären Betreuung fließt es zu 100% an die Einrichtung. Bei Pflegegrad 5 geht es dabei um über 900 Euro.

Wie auch im Krankenhaus arbeiten die meisten Heime in einem Dreischichtsystem. Der Tag ist dabei fast bis auf die Minute getaktet. Viele Einrichtungen arbeiten mittlerweile mit Smartphones, mit denen das Personal die getane Arbeit dokumentieren muss. Diese Dokumentation beansprucht eine enorme Zeit, da jede Pflegehandlung geplant wurde und nun im Laufe des Tages abgehakt werden muss. Dabei handelt es sich um Toilettengänge, Wasseranreichen, Lagerungen, Essenvorbereiten etc. Dieses System soll die sichere Betreuung der Patienten gewährleisten und dokumentieren. Das Problematische ist nur, dass man schon ohne Dokumentationsaufwand eine vollständige Betreuung nicht durchführen konnte. Nun ist es oft so, dass man sich zwar neben den Bewohner setzt um mit ihm zu reden, dabei die Augen auf das Smartphone hat, um schnell die Dokumentation zu erledigen. Der Frühdienst beginnt meist um sechs Uhr. Nach der Übergabe des Nachtdienstes beginnt der Tag. Egal ob es sich um einen Montag, Weihnachten oder seinen eigenen Geburtstag handelt, werden die pflegebedürftigen Patienten zwischen halb sieben und sieben geweckt. Die selbstständigen Bewohner haben etwas mehr Zeit, müssen dennoch um halb acht zum Frühstück erscheinen. Beim Wecken mobilisiert man die Bewohner ins Bad, um sie dort „Zack Zack“ für den Tag frisch zu machen.

Die Pflegekraft denkt dabei an die mindestens zehn weiteren Bewohner, die sie vor dem Frühstück noch fertig machen muss und steht demnach unter Stress. Im Wohnbereich angekommen, wird das Frühstück aufbereitet, dieses ist auch jeden Tag das Gleiche, teilweise variiert durch ein gekochtes Ei. Wenn man Änderungen möchte, muss man diese bei der Küche melden, dabei ist es aber auch eine langfristige Änderung. Währenddessen sitzen die Pflegekräfte schon beim Dokumentieren, um die Mahlzeit in das System einzutragen. Ob der Bewohner diese nun auch wirklich gegessen und getrunken hat, ist teilweise nicht ganz nachvollziehbar. Im Anschluss beginnt der „Toilettenmarathon“. Dabei versucht man, alle inmobilien oder auf Hilfe angewiesenen Bewohner zu überreden, auf die Toilette zu gehen, denn im weiteren Verlauf des Dienstes fehlt häufig die Zeit dafür. In diesem Falle sind Schutzhosen die Retter jeder Pflegekraft und jedes Bewohners. Durch diesen „Puffer“ kommt es jedoch dazu, dass Bewohner teilweise über Stunden hinweg in einurinierten oder eingekoteten Schutzhosen liegen bzw. sitzen.

Man ist froh, wenn zum Ende der Schicht die Dokumentation der Wahrheit entspricht und die Bewohner soweit zufrieden sind.

Nach dem Einsatz in Zuge meiner Ausbildung habe ich die Möglichkeit bekommen, in derselben Einrichtung nebenher arbeiten zu können. Ich habe mich wohl gefühlt und mir gefällt auch der Umgang mit den Bewohnern dort. Ich hatte gehofft, dass ich dort so pflegen kann, wie ich es mir im Krankenhaus wünsche. Dass ich Zeit habe, mit den Patienten bzw. Bewohnern zu spielen, mich zu unterhalten und spazieren zu gehen. Dass ich mit ihnen Zeit verbringen kann und sie auch persönlich kennen lerne, da ich der Auffassung bin, erst dann adäquat pflegen und mich kümmern zu können, wenn man die Person auch kennt. Es gibt in vielen Einrichtungen zwar einen sozialen Dienst, der aber nur zwei bis drei Mal die Woche kommt und dann für eine ganze Station zuständig ist.

Es ist schwer, sich die Routinen, die in solchen Einrichtungen herrschen, vor Augen zu führen, da man sie erst wirklich erlebt, wenn man auch dort wohnt. Im Krankenhaus liegt man auch mal im jungen Alter und kann nach der Entlassung sagen, ob man seine Betreuung als gut oder schlecht empfand. Im Pflegeheim kommt man in der Regel erst mit den Füßen zuerst wieder raus. Dementsprechend ist die Auswahl, die man trifft, wenn es darum geht, in welche Einrichtung die Angehörigen ziehen, oftmals eine reine Glückssache.

Mich bedrückt es sehr, wenn ich mir die Zustände nochmal vor Augen führe. In Zeiten von Corona war es zeitweise so, dass jeder Bewohner auf seinem Zimmer bleiben musste. Sie durften nicht mal mehr mit Maske auf den Flur. Bei einer Demenzrate von 70-80% war dies ein enormer Kraftakt und sehr traurig mit anzusehen. Gerade die Dementen hatten nicht selten „Flashbacks“ in ihre Kindheit. Die Kollegen vorort haben in jedem Dienst ihr Bestes gegeben und meist noch mehr als das. Ich habe lange über meine Kündigung nachgedacht und war hin und her gerissen, ob ich sie wirklich „in Stich lassen will“. Obwohl ich weiß, dass das System nicht an mir hängt, ist es dennoch ein Verantwortungsgefühl, welches sich gerade in der Langzeitpflege entwickelt. Im Gegensatz zum Krankenhaus ändern sich die Bewohner nicht, daher verbringt das Personal deutlich mehr Zeit mit ihnen als ihre eigene Familie. Automatisch übernimmt die Pflegekraft noch mehr Rollen, als sie eigentlich müsste und auch sollte.

Es sind wahre Multitasking Talente die in der Langzeitpflege arbeiten. Das Ansehen, was ihnen entgegengebracht wird, ist jedoch noch schlechter als das, des Krankenhauspersonals. Viele Kollegen in der Altenpflege haben noch Nebenjobs, um sich finanzieren zu können. Wir reden in der Altenpflege von einem durchschnittlichen Bruttogehalt von ca. 2200 Euro. Jedoch ist diese Zahl schwer einzuordnen, da in der Altenpflege viele Arbeitgeber (80%) nicht per Tarif bezahlen, demnach kann es höher wie auch niedriger sein. Bezüglich des Tarifs haben die Diakonie und die Caritas den allgemeingültigen Tarif verhindert. Jens Spahn hätte intervenieren können, jedoch hat er mal wieder vorgezogen, nichts Aktives für die Pflege zu tun. Im Gegenteil, laut Tagesspiegel soll er sogar die Beteiligten zur Ablehnung ermuntert haben. Zur Erinnerung: sowohl bei der Diakonie wie auch bei der Caritas handelt es sich um kirchliche Einrichtungen. Christliche Werte, wie Nächstenliebe und Hilfe für Bedürftige, werden anscheinend hintangestellt, wenn Geld mit im Spiel ist.

Trotz unserer Pflegeversicherung, die wir monatlich bezahlen, müssen die Heimbewohner bzw. ihre Familien durchschnittlich 2000 Euro aus eigener Tasche bezahlen. Ich frage mich schon sehr lange, wohin dieses Geld fließt und habe trotz langer Suche keine Antwort gefunden. Die Zimmer sind keine hochwertigen Luxus Apartments, leider ist das Gegenteil meist der Fall. Die Mahlzeiten sind an Großkantinen Essen angelehnt. Mit Blick auf Instanthaltung, Gas, Strom wie auch alle Mitarbeiter die für diese Punkte die Verantwortung tragen, wie auch den allgemeinen Personalkosten, bleibt in meiner Auffassung eine große Differenz. Laut dem Pflegeheim-Ranking-Report 2017, konnten die privaten Betreiber von Pflegeheimen einen Gewinn von 4,7 Prozent verbuchen.

Dass gerade in die Altenpflege investiert wird, liegt eigentlich klar auf der Hand. Die Menschen, die dort leben, sind schutzlos ausgeliefert, sind oft dement und dementsprechend werden sie von ihren Familien bei Äußerungen von Kritik oder Ängsten nicht ernst genommen, vergessen vieles und an sich werden wir bis 2030 mit ca. 4,1 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland rechnen. Demnach ist es ein sicherer Markt.
Wir sind wieder bei der Frage, wie wir als Gesellschaft mit den Hilfebedürftigen umgehen wollen. Gerade mit Blick auf den Demografischen Wandel, rollt eine Lawine auf uns zu, die wir alle nicht erleben wollen und die Senioren auch nicht erleben sollten. Sie sollten einen schönen und ausgewogenen Lebensabend verbringen können, ohne Äußerungen, dass sie sich am liebsten schon hätten umbringen sollten, als sie es noch konnten.

Anmerkung Redaktion: Rosa ist 20 Jahre alt und Auszubildende zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. An dieser Stelle schreibt sie regelmäßig über ihre Erfahrungen im Beruf und in der Gesellschaft. Feedback: rosa@jungundnaiv.de

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